01.12.2011

3. Demokratie-Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V.: Gesellschaft und Journalismus zwischen geistiger Brandstiftung und demokratischer Verantwortung

Unter dem Titel "Digitale (Un)Kultur und Demokratie" veranstaltete die Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. am gestrigen Tag ihren 3. Demokratie-Kongress in Berlin-Adlershof. Diskutiert wurde über neue Chancen, Herausforderungen und Risiken der Digitalisierung in Bezug auf Politik, Politische Bildung und Medien. Doch insbesondere die Diskussion um die Rolle des Journalismus im Digitalen Zeitalter enttäuschte. Statt über die demokratische Verantwortung von Medien zu sprechen, dominierten Fragen wie "Wie lange wird es noch Papier geben?" und „Muss ein Journalist Spezialist für audiovisuelle Medien sein?“ die Debatte. Eine vertane Chance.

Die Veranstaltung begann groß, sehr groß sogar. Dr. Hans-Gert Pöttering, Präsident des Europäischen Parlaments a. D. und seit 2010 Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., eröffnete den Kongress. Er wies auf den Einfluss des Internets auf das Zeitgeschehen hin, thematisierte den Arabischen Frühling und lobte die neuen Möglichkeiten der Partizipation. Das Netz sei die freiheitlichste Kommunikationsform der Welt. Über die Vermittlung technischer und ideeller Kompetenzen in der Politischen Bildung könne der Rechtsstaat gefördert werden. Demokratie braucht Demokraten, lautete Pötterings Credo. Und man spürte, Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat liegen diesem Mann sehr am Herzen. Doch umso wichtiger erschien nach Pötterings einführenden Worten die Frage, wie man all jenen begegnen müsse, die diese Werte innerhalb und außerhalb des Internets gefährden.

Die Veranstalter waren klug, wählten sie doch Dr. Hans-Peter Friedrich, seines Zeichens seit März 2011 Bundesminister des Innern, als nächsten Redner. "Die letzten Tage haben gezeigt, wie sehr unsere Freiheit, unsere Art zu leben, miteinander umzugehen gefährdet ist. Und wie zerbrechlich unsere Freiheit auch ist." Zu konkreteren Ausführungen ließ sich der Innenminister enttäuschenderweise nicht hinreißen. Stattdessen skizzierte er die Vorzüge des Internets in Bezug auf Beteiligungsformen wie ePetitionen und neuartige Kommunikationsformen wie Skype. Friedrich erläuterte den Wert der Privatsphäre und vertrat die These, die Digitalisierung führe auch zu einer Sehnsucht, zu einer Rückkoppelung an das Analoge. Schließlich verließ er das Podium. Pöttering und Friedrich waren auf einer Linie, mahnten sie doch, gemeinsame Werte zu wahren und sich gegen jede Art von Extremismus zu stellen, aber eindeutige Strategien, klare Vorgehensmuster oder gar Handlungsempfehlungen für den Internetnutzer blieben bisweilen aus. Wachsam müsse man sein, sagte Friedrich abschließend.

Schließlich war es der Amerikaner Prof. Dr. Jeff Jarvis, gemeinhin als "Digitalvisionär" bekannt und Professor an der Graduate School of Journalism an der City University in New York, der zunächst eine beinahe euphorische Stimmung auslöste und alle bösen Geister für kurz verbannte. Viele sprechen nur vom Wert des Privaten, sagte er, dabei gehe vollkommen unter, welchen Wert das Öffentliche besitze. Jarvis sprach über Google und YouTube, Facebok und Twitter und welcher Nutzen vom Raum des Öffentlichen ausgehe. Für Homosexuelle spiele der öffentliche Raum eine große Rolle, für die Demokraten in Nordafrika genauso. Schließlich griff er den Menschen als soziales Wesen auf. Wer sich Facebook entziehe, wisse eben nicht, was er verpasse. Wie großartig sei es bitte, auf Facebook 800 Millionen Menschen kennenlernen zu können, von denen die meisten wunderbar sind, predigte Jarvis.

Die Euphorie legte sich wieder, als eine Teilnehmerin zum Mikrofon griff und die Frage stellte, auf dessen Antwort doch insgeheim alle Teilnehmer warteten. Jarvis gebe sich zwar als Jesus des Internets, begann die Dame ihre Ausführungen, aber sei ihm denn nicht bewusst, welche Gefahren das Internet beherberge, welchen fragwürdigen Inhalten Kinder ausgesetzt seien, welches Forum Extremisten geboten werde? "Wie muss ich als Regierende handeln?", lautete die Frage einer Frau, die wie die Politik im Allgemeinen überfordert schien. Jarvis nickte. Der Sachverhalt schien ihm klar. Seine Antwort war simpel, aber unbefriedigend. Das Internet sei und werde niemals zu dem absolut sauberen Raum, den wir uns durch Überregulierung zu realisieren wünschen, erklärte er, das Internet sei schlichtweg das Leben – und wie das Leben sei es auch voll von Idioten.

So mahnend und teilweise inspirierend die Vorträge am Mittag auch waren, so enttäuschend empfand ich die Diskussion über die Rolle der Medien im Zeitalter der Digitalisierung am Nachmittag. Fielen doch Begriffe wie Extremismus, Demokratie und Verantwortung, war ich davon ausgegangen, Teil einer spannenden Diskussion über die Verantwortung der Medien im Digitalen Zeitalter zu werden. Mit Donata Hopfen, Geschäftsführerin der BILD digital GmbH & Co KG und seit Mai 2011 Mitglied der Verlagsgeschäftsführung der BILD-Gruppe, und Prof. Dr. Wolfgang Donsbach, Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Dresden, schien die Debatte zudem von namenhaften Experten begleitet zu werden. Beobachtet man als Journalist extremistische Blogs? Führt man sie an, schreibt man über sie? Toleriert man Autoren, die extremistische Bewegungen unbewusst unterfüttern? Müssen Titel in Zeiten der Unübersichtlichkeit und medialer Überschwemmung provokanter, populistischer, diffamierender werden? Müssen Fotos Härteres zeigen, um die Aufmerksamkeit der Facebook-Gemeinde zu erhalten?

Für manch einen mag die Debatte vielleicht ertragreich gewesen sein. Für mich war sie es nicht. Keine der genannten Frage, nicht einmal die Richtung war Thema der Debatte. Vielmehr war es für Journalisten, Unternehmer und Branchenkenner von Interesse, ob das iPad irgendwann die morgendliche Tageszeitung komplett ersetzen könne oder ob jeder Redakteur auch Spezialist für audiovisuelle Medien sein müsse. Der Bürgerjournalismus könne den Qualitätsjournalismus nicht ersetzen, war die einhellige Meinung unter allen Anwesenden. Was auf Twitter und YouTube publik werde, müsse erst sorgfältig geprüft und ein gefundener Rohdiamant stets journalistisch geschliffen und auf Hochglanz poliert werden. Der Blogger gelte als laut und ungenau. Er dürfe nach Belieben internationale Konflikte als Kriege bewerten. Er könne heute von einer Meinung überzeugt sein und morgen das Gegenteil behaupten. Der Qualitätsjournalismus hingegen zeichne sich insbesondere durch seine Marke aus. Man müsse sich einen Namen gemacht haben, herausragend, verlässlich sein, da sind sich Hopfen und Donsbach einig. Schnelligkeit sei nicht das entscheidende Merkmal bei der Berichterstattung, viel wichtiger sei die Qualität. Doch was Qualität ausmacht, darüber wurde beim gestrigen Demokratie-Kongress nicht gesprochen.

Für mich meint journalistische Qualität insbesondere das Bewusstsein über politische und gesellschaftliche Verantwortung. Medien sollen nicht gleichgeschaltet sein, aber sie müssen Spiegel der Gesellschaft, Spiegel der Mitte sein. Nur wer sich im Klaren darüber ist, welche Sprengkraft von publizierten Texten ausgehen kann und welche Auswirkungen Artikel auf die Köpfe unserer Gesellschaft haben können, soll es verdient haben, von Millionen Menschen gelesen zu werden. Der Qualitätsjournalismus darf sich in Bezug auf Populismus und Diffamierung nicht mit Blogs messen wollen.

"Journalisten sind Helden" – unter diesem Titel startete die Journalistenschule der Axel Springer AG im Mai 2011 eine neue Bewerbungskampagne. Geworben wurde mit Journalisten, die sich in der Vergangenheit und Gegenwart, national und international für die Rechte von Minderheiten eingesetzt haben und einsetzen. Journalisten können Helden sein, das stimmt wohl, sie sind es aber oftmals nicht. Autoren und Texte, die man allenfalls auf rechtsextremen Plattformen wie "Politically Incorrect" vermuten würde, finden heute wie selbstverständlich auch den Weg in die großen Medien. Antisemitismus und Islamophobie finden sich tagtäglich in der deutschen Medienlandschaft. Es sind Texte, die Betroffenheit inszenieren, die Ängste schüren, die hinter vorgehaltener Hand zum Widerstand aufrufen. Es sind mitunter Texte, die der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik in seinem Manifest "2083" zitierte. Auch dass Sarrazin einer Volkspartei angehört, beweist einmal mehr, wie wichtig es ist, diffamierendes Gedankengut aus der Mitte unserer Gesellschaft, ob in Parteien oder Medien, zu verbannen.

Die Anschläge in der norwegischen Hauptstadt Oslo und auf der Ferieninsel Utøya haben eine Debatte darüber entbrennen lassen, was Politik, Gesellschaft und Medien dürfen und was nicht, was unter geistige Brandstiftung fällt und was als freie Meinung zu verstehen ist. Dabei geht es nur bedingt um Zensur. Freiheit und Meinungsfreiheit bereichern und beleben unsere Gesellschaft. Keine Angst, keine Meinung soll totgeschwiegen werden. Oftmals ist nur der Tonfall entscheidend. Oftmals ist nur entscheidend, ob man als Journalist Interpretationsspielräume untersagt und Fehldeutungen entschieden ablehnt oder ob man sich erst im Nachhinein vorsichtig von extremistischen Reaktionen distanziert. Ich kann an dieser Stelle kein Allheilmittel präsentieren - aber ich will fordern, die Debatte weiterzuführen.

Der Medienlandschaft, die sich selbst als unabhängiger Oppositionsapparat versteht und sowohl politische Entscheidungen als auch gesellschaftspolitische Entwicklungen reflektiert und kritisiert, fehlt ein genau solcher Oppositionsapparat. Zu leise sind die Stimmen von einzelnen Politikern oder Journalisten anderer Medienhäuser, die sich von medialen Inhalten und Darstellungen distanzieren, ihnen manchmal widersprechen. Zu groß ist ihre Angst zum Spielball der Medien zu werden. Vielleicht ist also auch das ein Gewinn der Digitalisierung: Internetgemeinde und Bloggersphäre sind zumeist weit mehr als nur laut und undankbar; sie können ganz im Gegenteil sehr klug und differenziert den öffentlichen Diskurs nähren und neben politischen und gesellschaftlichen Themen auch den Journalismus selbst als Gegenstandsbereich auffassen. Sie können die Macht der Medien mindern und als demokratisches Korrektiv die Stabilität unserer Gesellschaft wahren.

Vielleicht sind es also nicht unbedingt die audiovisuellen Kompetenzen, an denen die Journalisten von heute arbeiten müssen, vielleicht sind es mehr denn je die ideellen. Der Journalist von heute muss sich zu politischer und gesellschaftlicher Verantwortung verpflichten, sich über Macht und Gewalt seiner Worte im Klaren sein und die Fähigkeit und den Mut besitzen, sich selbst und seine Kollegen kritisch zu reflektieren. In Zeiten der Digitalisierung weichen Grenzen auf, werden tagtäglich neue Tabus gebrochen, nehmen Ungebundenheit, Unübersichtlichkeit und Orientierungslosigkeit zu. Wir brauchen klare Bekenntnisse und eine Rückkoppelung an gemeinsame Werte, analog wie digital. Und so bedarf es neben der Politik und den Verantwortlichen der Politischen Bildung sowie der wachsamen Zivilgesellschaft doch auch verantwortungsvolle Medien, die einen wesentlichen Beitrag dazu leisten können und müssen, Demokratie zu fördern und Extremismus im Keim zu ersticken.

Literaturhinweise: 1. Allgemeine Berichterstattung zum 3. Demokratie-Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung e. V., 2. Hesselmann, Markus: Schneller, fundierter, kritikfähiger? Journalismus im Internet (Der Tagesspiegel), 3. "Verantwortung der Medien - Selbstreflexion? Fehlanzeige!" (lynxx-blog), 4. Reppesgaard, Lars: Politischer Extremismus im Netz - Muss sich die Zivilgesellschaft wehren? (Deutschlandradio Kultur), 5. Herzinger, Richard: Geht euren Phrasen nach (WELT ONLINE), 6. Bergsdorf, Wolfgang: Die Macht der Medien (Die Politische Meinung)

1 Kommentar:

  1. Danke für den Blog-Beitrag. Ich wollte mich auf die Einschätzung zum Forum III (Medien und Digitalisierung) beziehen.

    Sie haben vollkommen Recht: Die Verantwortung "der" Medien wurde im Forum nicht explizit diskutiert. Interessanterweise gingen auch viele Beiträge der Mitdiskutanten immer wieder in die Richtung der "Wahrhaftigkeit" und wer den nun mehr Vertrauen genießen könne. Dies wurde vor allem in der Debatte zwischen Öffentlich-Rechtlichen und Verlagen deutlich. Interessant ist, dass gerade an dieser Stelle das Thema "Verantwortung" mit Blick auf die aktuellen extremistischen Ereignisse auch von den Teilnehmern nicht angesprochen wurde. Wäre sicherlich eine spannende Diskussion geworden.

    Für Sie hier schon einmal der Link (http://openetherpad.org/1ILIPfkaYR
    ) Hier könnnen Sie gerne Ergänzungen, Anregungen und kritische Hinweise geben. Das Etherpad ist eine Art Kurzprotokoll, dass wir während des Forums gemeinsam geschrieben haben und jetzt gerne zur Diskussion stellen würden.

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