24.07.2012

Religiöse Beschneidung: Das Problem mit den Geschenken Gottes

Die Aufregung ist groß, seit das Kölner Landgericht die Beschneidung bei Jungen in Befolgung eines religiösen Gebots, einer Tradition oder in Umsetzung des Willens der Eltern als Körperverletzung bewertete. Vertreter jüdischer und muslimischer, aber auch christlicher Gemeinden, Politiker und Juristen, Atheisten und Humanisten, Meinungsmacher aller Couleur meldeten sich zu Wort. Das nationale Forum brennt. Die internationale Presse schaut gebannt zu. Wie viel Raum gebietet Deutschland - ausgerechnet Deutschland - den Religionen?

Es soll Debatten geben, die von Sachlichkeit, Rücksichtsnahme, Friedlichkeit und Offenheit dominiert werden. Debatten, in denen es um Religion und Glaube geht, gehören zweifelsfrei nicht dazu. Kaum ein Thema wird im öffentlichen Diskurs emotionaler und polemischer angegangen. Kaum ein Thema scheidet die Geister in einer solchen Radikalität, lässt die Gemüter binnen weniger Sekunden derartig hochkochen. Die aktuelle Debatte um die religiöse Beschneidung bei Jungen ist von dieser Regel nicht ausgenommen. Nicht Gott, sondern der Teufel herrsche über die Welt, wenn grausame Genitalverstümmlung im 21. Jahrhundert auf Verständnis stoßen würde, sagen die einen. Ausgerechnet Deutschland würde abermals versuchen, jüdisches Leben in der Bundesrepublik auszulöschen, erwidern die anderen. Doch um was geht es in der Debatte wirklich? Um universelle Menschenrechte und die körperliche Unversehrtheit des Kindes? Um das Recht auf freie Religionsausübung? Um das Recht des Kindes, sich mit dem Eintritt in die Religionsmündigkeit selbst zu einer Religion zu bekennen? Oder um das Recht der Eltern auf Erziehung?

Die Vielschichtigkeit der Debatte wird unterschätzt. Nicht nur eine, sondern gleich mehrere Dichotomien treffen aufeinander. Zahlreiche Perspektiven tun sich auf. Alle Aspekte für sich müssen sauber voneinander getrennt werden, damit sich der Nebel lichtet. Und am Ende offenbart sich: Hier geht es nicht nur um ein Stück Haut. Hier treffen Universalismus und Kulturrelativismus, fortschreitende Säkularisierung und die Renaissance der Religionen aufeinander. Und wir stehen am Scheideweg.

Das Judentum sieht die religiöse Beschneidung bei Jungen als mitgeteilte Sitte Jahwes an Abraham am 8. Tag nach der Geburt des Jungen vor. Die Beschneidung, so sind sich Vertreter des Judentums einig, offenbart sich so als Fundament des jüdischen Glaubens. Dieter Graumann, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, bezeichnet die Bedeutung der Beschneidung für den jüdischen Glauben als "absolut elementar und nicht verhandelbar". Auch im Islam ist die Beschneidung von Jungen als religiöser Ritus üblich. Ein bestimmtes Alter ist aus religiöser Perspektive nicht vorgesehen; die meisten Jungen werden im Alter zwischen sieben und 14 Jahren beschnitten - also noch bevor das Alter der Religionsmündigkeit eintritt.

Die Beschneidung selbst ist unter den richtigen Umständen ein medizinisch sauberer Akt. Sie wird nicht bloß aus religiösem Antrieb, sondern auch aus gesundheitlich-hygienischen und ästhetischen Gründen durchgeführt. Doch die Umstände sind wichtig, kann doch das fortschreitende Alter des Kindes das Risiko erhöhen, dass das Kind ein schwerwiegendes psychisches oder emotionales Trauma davonträgt.

Für vorgeschoben hält dieses Argument die muslimische Journalistin Khola Maryam Hübsch. Wann immer das Thema Islam in den Vordergrund trete, werde mit zweierlei Maß gemessen. Längsschnittstudien und Großstudien kämen laut einem Artikel in der FAZ vom 4. April 2012 zu dem Ergebnis, dass Kinder bei einer sehr frühen Krippenbetreuung unabhängig von der Qualität der Betreuung ein höheres Risiko für Verhaltensauffälligkeiten, Drogenmissbrauch und körperliche, chronische Krankheiten besäßen. Für Kinder unter zwei Jahren bedeute der langdauernde Krippenaufenthalt gar eine "chronische Stressbelastung". Der Bielefelder Kinder- und Jugendarzt Dr. Rainer Böhm spricht von einer "biologischen Signatur der Misshandlung". Doch der gesellschaftliche Aufschrei sei nach Bekanntwerden dieser und ähnlicher Studien ausgeblieben. Führen die Beschneidungsgegner also in Wahrheit einen persönlichen Feldzug gegen den Islam? Oder gegen die Glaubensgemeinschaften überhaupt? So würden zumindest Hysterie und Panik erklärt, mit der manche Atheisten auffällig emotional die religiöse Beschneidung als grausame Genitalverstümmlung abbilden wollen.

Anders argumentiert der Jurist Holm Putzke, dessen Aufsätze zum Thema Beschneidung wesentlich verantwortlich dafür sein sollen, dass eine Empörungswelle die drei großen Weltreligionen derzeit so sehr eint. Putzke begrüßt das Urteil aus Köln. Weder Elternrecht noch Religionsfreiheit gewähren demnach das Recht auf die religiöse Beschneidung von Jungen. In den Fokus seiner Argumentation stellt Putzke das Recht von Kindern auf Selbstbestimmung. Noch bevor ein Kind wisse, was Religion und Glaube überhaupt seien, werde ihm eine Religion aufdoktriniert. Damit gleiche die Beschneidung einer optischen Brandmarkung. Putzke sieht in seiner Auffassung keinen Angriff auf die Religionen. Ganz im Gegenteil gehe es ihm um eine echte Religionsfreiheit, also um die Freiheit des Kindes sich mit dem Eintritt in die Religionsmündigkeit zu einer Religion zu bekennen. Dann dürfe nach Putzke auch die Beschneidung aus religiösem Motiv gestattet werden.

Doch ist der Fall so klar, wie Putzke und andere Beschneidungsgegner meinen? Liegt in diesem Falle nicht eher ein realer Bestandteil religiös-gesellschaftlichen Lebens vor, der im deutschen Recht noch nicht angemessen positioniert und verankert ist? Dass der Tatbestand der Körperverletzung greift, wirkt skurril vor dem Hintergrund, dass Eltern als Personensorgeberechtigte ihren Kindern das Tor zu einer Religion öffnen wollen, die ihnen im Diesseits Orientierung und Halt gebietet und im Jenseits vielleicht sogar noch mehr. Beschneidung als Geschenk Gottes - für Gläubige ist dies eine Wahrheit, an der nicht gerüttelt werden kann.

Schlägt sich in der aktuellen Debatte nicht also eine Verkürztheit des Argumentierens und Denkens wider? Kann eine Rechtsgrundlage, auf der religiöses Leben kriminalisiert wird, weil Eltern nicht in ihrer Rolle als fürsorgende Eltern, sondern in einer Rolle verletzender Angreifer wahrgenommen werden, in ihrer jetzigen Form richtig sein? Der Orientalist und Schriftsteller Navid Kermani spricht von einem "Triumph des Vulgärrationalismus". Der Richterspruch aus Köln entspreche einer "fundamentalistischen" Geisteshaltung, die den eigenen Verstand absolut setze. Aufklärung hieße nach Kermani, die eigene Weltanschauung zu relativieren. Damit entlarvt Kermani all jene, die ihr eigenes Gebot vom Universalismus für universalistisch erklären.

"Die ich rief, die Geister, werd' ich nun nicht los", spricht der Zauberlehrling in Goethes Ballade, als er sich eines Instrumentariums bedient, mit dem er schlicht überfordert ist. Nicht anders scheinen auch wir als Gesellschaft auf Antworten aus dem Rechtssystem zu pochen. Doch unser Recht ist nicht mehr, aber auch nicht weniger als das Resultat mehrheitsbestimmter Politik und damit Spiegelbild der Natur und der Gedanken unserer Gesellschaft. Am Ende gibt es also keine allgemeingültige Antwort. Wir müssen uns der Verantwortung stellen, selbst zu entscheiden, wie viel Raum wir religiösem Leben in der Bundesrepublik zugestehen wollen.

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