28.07.2014

Offener Brief an BamS-Vize Dr. Nicolaus Fest

Offener Brief an Dr. Nicolaus Fest bzgl. seines Kommentars "Islam als Integrationshindernis" aus der "BILD am SONNTAG" vom 27. Juli 2014.

BamS-Ausgabe vom 3. August 2014: Über 1000 Zeilen
Leserbriefe werden gedruckt. Meine Kritik ist mit dabei.

Sehr geehrter Herr Dr. Fest,

mit einem Freund habe ich noch vor kurzem über die wirklichkeitsschaffende Allmacht von Sprache, von Sprache, die sich im öffentlichen Marktsystem durchsetzt, gesprochen. Begriffssetzung ist unerlässlich. Ohne Begriffe ist jede Art öffentlichen Austausches undenkbar. Sobald jedoch Realitäten in Begriffe zementiert werden, besteht die Gefahr, neue Realitäten nicht mehr in ihrer Natürlichkeit intuitiv wahrzunehmen, sondern sie über Begriffe zu erschließen. Sie täuschen falsche Wirklichkeiten vor und propagieren falsche Wahrheiten. Das Christsein reicht vom rechtschaffenen Versöhner, der die Ausgegrenzten in seine Mitte nimmt, bis zum besessenen Spalter, der Kindern mit Höllenqualen droht, falls sie tun oder hinterfragen, was schlicht natürlich ist. Das Muslimsein reicht vom demütigen Geber, der mir Vielfraß in der ersten Minute nach Sonnenuntergang die erste Dattel reicht, bevor er nach dreizehnstündigem Fasten an sich selbst denkt, bis zum hasserfüllten Machtmenschen, der um sich schlägt, wird seine Autorität nur angezweifelt. Wie es kein allgemeines Christsein gibt, so gibt es kein allgemeines Muslimsein. Sehr wohl gibt es Mehrheiten und Bewegungen. Niemals aber werden statische Begriffe dynamischen Katalogen von Überzeugungen und Handlungen gerecht.

In Ihrem heutigen BILD-Kommentar versündigen Sie sich an der Wahrheit. Sie nehmen die Welt nicht intuitiv, nicht in ihrer Natürlichkeit wahr, unterscheiden nicht zwischen dem, der gerecht ist, aus welchem Grund auch immer, und dem, der nicht gerecht ist, aus welchem Grund auch immer, sondern spalten nach statischen Schemata, die der Welt und ihrer Beweglichkeit nicht gerecht werden. Sie geben keine Chance. Sie verschließen Ihre Augen und machen Ihr Herz eng für viele gute Menschen - Menschen, die Verantwortung für die Ihrigen übernehmen, die familiäre Werte stärker leben als andere, deren Friedensgruß beim ersten Handschlag auch an mich gerichtet ist - als Nicht-Muslim.

Ich finde unvorstellbar, gerne Scharfmacher sein zu wollen, zu genießen, spaltend und verachtend zu sein. Darum stelle ich nur eine Frage: Warum fehlt es einem promovierten Kolumnenschreiber mit Millionenleserschaft an grundlegendem Verständnis für das Verhältnis von Wirklichkeit und Sprache?

Mit freundlichen Grüßen,

Diana Kinnert

Reaktion vom 3. August 2014: In der nächsten Ausgabe der "BILD am SONNTAG" finden auf vier Seiten zahlreiche Leserbriefe und Kritiken Erwähnung. Auch meine Kritik ist mit dabei.

Kommentare:

  1. Liebe Frau Kinnert, komisch ist , dass immer die Muslime sich angesprochen und "diskriminiert" fühlen, die gar nicht gemeint sind (siehe auch Lesermeinungen in der BamS vom 02.08.) . Und die immer gleich hervorheben müssen, dass sie ja sooo gebildet sind und so gar nicht dem von Herrn Fest gezeichneten muslimischen Mitbürger entspricht u.s.w ... um so komischer, dass diese Leute und Gutmenschen wie Sie, Fakten und Zahlen nicht als Wahrheit akzeptieren wollen (siehe auch etliche veröffentlichte Polizei-Statistiken). Ich kann mich über Ihren o.g. offenen Brief innerlich nur amüsieren, wie sie tatsächlich versuchen, auf hoch "wissenschaftlicher" Ebene diesen kurzen Sätzen des Herrn Fest ganz mutig (da ja ein "offener" Brief) den Kampf anzusagen . Komisch, dass eine so gebildete Frau wie Sie, nicht erkennen kann, wen Herr Fest genau meint und wie sehr er Recht hat. Ich kann nur hoffen und "beten" , dass Deutschland endlich aufwacht, bevor es zu spät ist und in unserem friedlichen Land NICHT bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen, weil wir Menschen in unser Land aufnehmen, die sich einen Dreck um unser bürgerliches Gesetzbuch kümmern und die über Gutmenschen wie Sie innerlich nur lachen können. PS: Ich empfehle Ihnen dringend die rosarote Brille mal abzunehmen und stattdessen mal durch Berlin-Wedding/Kreuzberg/Neukölln zu spazieren. Und bitte auch die Ohren nicht zu halten (am besten noch arabisch/türkisch vorher lernen, sonst verpassen Sie was) und last-but-not-least: Komisch auch, dass es viele Muslime gibt, die dem doch tatsächlich zustimmen, was Herr Fest sagt ... denken Sie mal drüber nach!

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    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Ich antworte darauf mit dem Hinweis auf meinen erst vor ein paar Tagen erschienenen Artikel "Definiert Euch Eure Sünder nicht weg!" in dem Debattenmagazin The European. Link: http://bit.ly/1qwSIza

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