30.07.2014

Gastbeitrag in The European: Definiert Euch Eure Sünder nicht weg!


Wann ist der Mensch ein Mensch? Seit Jahrtausenden wird diese Frage erörtert. Zu den essentiellen Fragen der Philosophie zählend, denen gemein ist, dass sie nur selten zu einem Ende kommen, nimmt auch diese an Geschwindigkeit verlierende Debatte immer wieder an Stoßrichtungen und Fahrtwind auf. In der genannten Frage sind es heute vor allem die Neurowissenschaftler, die sich dem Menschen zwischen Freiheit und Determinismus neu zu nähern versuchen. Nicht weniger aktuell und womöglich auch wesentlicher sind die unzähligen philosophischen und anthropologischen Abhandlungen aus der langen Geschichte der Philosophie. Hier wird der Mensch noch seziert, aufgespalten in Vermögen und Fähigkeiten, in Tugenden und Absichten. Manche sagen, der Mensch ist Mensch, weil er Verstand und Ethik besitzt. Andere sagen, er wird erst zum Menschen, wenn er Vernunft walten lässt und tugendhaft bestrebt ist. Wieder andere verneinen beides. "Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin", schreibt Hermann Hesse in "Demian".

In der Moderne scheinen wir uns fern der philosophischen Streitgespräche gesellschaftlich diskursiv einig geworden zu sein. Auch denen, die sich ihrer Menschlichkeit entledigen, begehen sie doch menschenverachtende Verbrechen, gestehen wir den Wert der Menschenwürde zu. Sie sind uns nicht weniger wert als die guten und gerechten Menschen. Wer in der Moderne angekommen ist, kann nicht mehr töten und es richtig finden. Wir sind uns einig geworden: Der Mensch ist alles, er ist seine in die Höhe schellenden Lichtmomente wie auch seine abgrundtiefen Unzulänglichkeiten, er kann so gut sein wie er schlecht sein kann. Und so singt auch Herbert Grönemeyer. Der Mensch heißt Mensch, weil er lacht und weil er lebt, ja, aber auch weil er vergisst und weil er verdrängt, weil er irrt und weil er kämpft.

In seinem Kommentar vom Sonntag, den 27. Juli 2014 setzt der Vizechef der BILD am SONNTAG Dr. Nicolaus Fest den Islam mit Gewaltbereitschaft, Unterdrückung und Kriminalität gleich. Ein Urteil, das einen jeden Muslim treffen muss. Bis heute ist mir schleierhaft, wie sich ein promovierter Rechtsanwalt und etablierter Journalist mit beneidenswerter publizistischer Reichweite an derartig simplen Logikregeln versündigen kann. Urteile niemals absolut über etwas, das beweglich ist, spricht das erste Gebot aus meiner Logikbibel. Auch das Christentum hat sich vom Kreuzzügetreiber und Hexenverbrennerverein zu etwas gemacht, das besser ist. Misstraue monokausalen Erklärungen, erst recht, wenn es um den Menschen geht, heißt es im zweiten Gebot. Schlägt der Mann die aufbegehrende Frau, weil Allah es wünscht oder nicht vielmehr deshalb, weil sich sein in patriarchaler Gesellschaft anerzogener männlicher Stolz entladen will - ganz gleich ob unter orthodoxen Russen oder muslimischen Ägyptern? Miss eine Mannschaft niemals an ihren unfairsten Spielern, spricht das dritte Gebot. Der Deutsche ist kein Neonazi, der Christ kein Schwulenhasser und der Muslim kein Bombenleger. Besser noch, das vierte Gebot: Urteile doch bitte überhaupt niemals pauschal! Denn wie sich das Christsein vom rechtschaffenen Versöhner bis zum besessenen Spalter dehnt, so umfasst auch das Muslimsein sowohl den demütigen Geber, der mir nach dreizehnstündigem Fasten die erste Dattel reicht, als auch den hasserfüllten Steiniger.

Eigentlich, so dachte ich, sei damit alles Nötige zu Fests Kommentar im Speziellen und zu jedweder pauschalisierenden Islamophobie im Allgemeinen gesagt worden. Eigentlich, so dachte ich, war die Debatte für mich beendet. Je mehr ich dann jedoch in der Flut veröffentlichter Gegenmeinungen las, desto nachdrücklicher vernahm ich in mir eine weitere Rührung von Unbehagen. Ich sperrte mich gegen die Idealisierung des Islams, der - nicht normativ betrachtet, sondern de facto - als pauschal friedliche und tolerante Religion mit pauschal friedlichen und toleranten Anhängern dargestellt wurde. Das aber verstand ich als Begriffstrick, als logischen Trugschluss, als eine positive, aber nicht weniger illusorische Spiegelung der Festschen Pauschalmethode - und auch als Sackgasse, die einer Religion der Chance beraubt, fortschrittlich zu sein. 

Wann ist der Christ ein Christ? Und wann ist der Muslim ein Muslim? Ich weiß, ich würde mich auch dann noch als Christ verstehen, bewegte ich mich fernab aller Kirchenangelegenheiten, wäre ich nicht getauft worden, zahlte ich keine Kirchensteuern und wüsste ich nicht einmal, wer mein Papst ist. Ich erkenne nach aufrichtigem Selbstverständnis an. Wenn wir uns jedoch nicht auf formale Kriterien versteifen wollen, Geburt, Rituale, Mitgliedsausweis, wenn wir jedem Menschen zugestehen wollen, sich in seinem Innern selbst zu entscheiden, zu welcher Religion er gehören möchte, dann jedoch ist auch ein gewalttätiger Islamist noch Muslim, dann jedoch gehört auch der Islamismus zum Islam.

Der ausgrenzende Christ ist nicht weniger Christ als der versöhnende Christ. Der ausgrenzende Muslim ist nicht weniger Muslim als der versöhnende Muslim. Wir wissen, welche Grundwerte und welcher Idealzustand einer Religion erstrebenswert sind, es ist auch richtig, dass wir uns nur diese Ideale zum Vorbild nehmen, dass wir sagen, der Islamismus hat in unserer Gesellschaft keinen Platz, ja, gleichwohl aber müssen wir einsichtig sein: Ein Gläubiger ist nicht weniger als ein Mensch eben auch alles, er ist seine in die Höhe schellenden Lichtmomente wie auch seine abgrundtiefen Unzulänglichkeiten, er kann so gut sein wie er schlecht sein kann. Und so ist auch seine Religion. 

Die Reinwaschung einer Religion und ihrer Glaubensgemeinschaft durch die Anerkennung gemäßigter, friedfertiger und toleranter Anhänger bei gleichzeitigem Ausschluss radikaler und gewaltbereiter Anhänger ist falsch. Man kann die Bösen nicht wie eine lästige Geschwulst am Körper der Religion abschneiden. Aus einem Muslim, der nicht mehr und nicht weniger als ein gewaltbereiter Muslim ist, einen Nicht-Muslim und Islamist zu machen, ist töricht. Mit der neuen Begriffszuordnung entledigt man sich eines Problems, ohne es zu lösen. Diese unbefriedigende Rhetorik macht jedoch einen fairen Diskurs über eine noch so berechtigte Islamkritik zunichte. Sie wird im Keim erstickt. Das schadet unserer Gesellschaft, und das schadet auch dem Islam.

Ich kenne keinen Katholiken, der offen in die Welt posaunt, Mitglied des schwulenfreundlichsten Vereins weit und breit zu sein, weil er homophobe Bischöfe als katholische Extremisten darstellen kann. Tatsächlich aber geschieht genau das unter vielen Muslimen. Sie sagen sich los von ihren Sündern, nicht verantwortungsbewusst distanzierend oder entgegentretend, sondern unverantwortlich wegdefinierend. Diese Scheu ist destruktiv. Wenn religiös motivierte Akte der Gewalt und Ausgrenzung überwunden werden wollen, muss sich eine Glaubensgemeinschaft der eigenen Sünder annehmen, ihre Fehlleitungen aufdecken und im innerreligiösen Diskurs überzeugen. Kuschen die Gemäßigten, gewinnen die Radikalen. 

So wie viele der Meinen nicht müde werden, im Christentum für die Botschaft der Versöhnung statt für die der Ausgrenzung einzustehen, dürfen auch Muslime nicht müde werden, Gewaltbereitschaft und Intoleranz Einhalt zu gebieten. Definiert Euch Eure Sünder nicht weg, ist mein Appell, nehmt sie in Eure Mitte. Bewegt mit ihnen, bewegt durch sie, und ihr werdet den Islam bewegen.


Die gekürzte Fassung des Textes wurde im Debattenmagazin The European publiziert. Auf deren Onlineplattform ist er seit dem 1. August 2014 abrufbar.

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