27.12.2014

Gastbeitrag in The European: Die Abgehängten


In der Nacht vor der berühmt-berüchtigten Hooligans gegen Salafismus-Demonstration in Köln lerne ich in einer bunt-belebten Schwulenbar in Wuppertal einen kahlköpfigen, groß gewachsenen Bomberjackenträger kennen. Mit verbrauchtem Gesicht steht er an der Theke und prostet mir zu. Es ergibt sich, dass er irgendwann neben mir steht und ich ihn frage, wer er sei. Bevor ich die Frage präzisieren kann, erzählt er mit warmer Stimme aus seinem Leben: vom zehrenden Outing, vom schlagenden Elternhaus, von der rohen und rauen Jugend im Heim, vom Versagen unter feindseligen Lehrern und vom starken Zusammenhalt der Hooligans, bei denen er schließlich Heimat findet – trotz aller Schwulenfeindlichkeit, die, so sagt er, auch erst einmal überwunden werden musste.

Morgen sei er mit dabei, kündigt er euphorisch an, bei HoGeSa, wir alle gegen importierten Hass, importierte Gewaltbereitschaft, importierte Intoleranz, wir alle für die Werte, die ihm erlauben, offen schwul zu leben, die mir jungem Mädchen erlauben, nachts durch die Kneipen zu ziehen, und die uns allen erlauben, überhaupt friedlich auf die Straße zu gehen. Daumen hoch, sage ich dann, und mache deutlich: Stimmt ja alles, was Du sagst, aber füge bitte hinzu: Wir alle auch gegen deutschen Hass, gegen deutsche Gewaltbereitschaft, gegen deutsche Intoleranz – denn all das ist nicht weniger Zeichen der Verfremdung im eigenen Land, das sich zu anderen Werten bekennt.

Wer macht mit bei so was?

Ich erinnere mich an sein zusicherndes Nicken und die Umarmung zum Abschied. In derselben Nacht noch erzählt mir ein anderer Kneipenkumpel: Da wird ja auch medial verzerrt. Sind ja alles gar keine Neonazis. Zwei Kumpels von mir gehen auch mit, die sind sehr brav, der eine ist Rumäne, der andere dunkelhäutig. Am nächsten Tag bin ich natürlich nicht mit dabei, bin ich glücklicherweise nicht mit dabei, weil es ja offenkundiger kaum sein konnte, dass NPD-Funktionäre und bekannte Neonazis auflaufen, mit ausländerfeindlichen Parolen angereicherter Rechtsrock durch die Lautsprecher dröhnt und Steine und ganze Polizeiwagen durch die Gegend fliegen. Aha, denke ich mir nach den Fernsehbildern, entweder waren meine Bierbekanntschaften gewollt manipulierende Lügenbarone, die mir absichtlich ein falsches Bild verkaufen wollten, oder aber bloß ignorant oder naiv. Ich tendiere zu einer der letzteren beiden Möglichkeiten.

Seit der HoGeSa-Demonstration denke ich aber nun darüber nach: Wer macht mit bei sowas? Wer solidarisiert sich mit sowas? Und warum? Ja, da sind die Radikalen, die Gewaltbereiten, die Antisemiten, ja, aber nicht nur: Auch die politisch Frustrierten, die Staat, Parteien, Presse misstrauen. Auch die sozial Abgehängten, die immer nur auf den Deckel kriegen, die sich vergessen und verraten fühlen, über die man sich lustig macht im Nachmittagsfernsehen. Und dann fällt es mir schwer. Dann fällt es mir schwer, die im Unterschied zu HoGeSa eher stillen 15.000 Pegida-Demonstranten pauschal als Neonazis abzustempeln, und genauso schwer, ebenjene pauschal als ungefährliche besorgte Bürger anzuerkennen. Dann fällt mir schwer, sie alle übereilt zu verspotten, aber noch schwerer, Verständnis für sie als Opfer unberechtigter Ängste und Sorgen aufzubringen.

Hoffnungsvoll schlage ich dieser Tage die Zeitungen auf und vertraue auf die richtigen Analysen unserer öffentlichen Wortführer. Aber siehe da: Was für eine Schande sie alle doch sind, sagt die eine Seite. Alles redliche Bürger, sagt die andere Seite. Ein Ressentiments schürender Thilo S. wirft der Bundeskanzlerin vor, schuldig daran zu sein, dass Menschen mit Ressentiments auf die Straße gehen. Aberwitzig ist das alles und dabei doch eigentlich alles andere als witzig.

Wie wird der Fremdenfeind zum Fremdenfeind?

Der klügste Satz kommt von Merkel selbst: Ein jeder Teilnehmer muss aufpassen, nicht von den Initiatoren instrumentalisiert zu werden. Wer sich dem widersetzt, wird zum stillen Mittäter. Sei der Grund der Empörung noch so menschlich und nachvollziehbar: Für die, die über fremdenfeindliche Parolen hinweghören, will auch ich kein Gehör mehr haben. Gleichsam aber greift jene reactio die Probleme nicht bei ihren Wurzeln. Für das Erstarken eines gemeinsamen Feindbildes dürfen sich neben einem Thilo S. so einige Akteure verantwortlich fühlen. Medien, auf deren Titelseiten der große schwarze Moslem im Schatten Stellung nimmt. Parteien, in deren Wortschatz rechtspopulistische Begriffe Einzug halten. Sie alle sprechen eine andere Sprache als die Zahlen, die den Anteil der Muslime in Sachsen, den Anteil der Burka-Trägerinnen in der Gesamtrepublik und den deutschen Milliardengewinn durch Einwanderung bezeugen.

Und dann sind es die Abgehängten, dann sind es die, die sich vernachlässigt und ungerecht behandelt fühlen, an die keiner mehr glaubt, die so sehr anfällig sind für Zorn und Hass, die sind es dann, die mitaufspringen, bei denen Rechte immer schon leichtes Spiel haben. Und ohne die Marschierenden aus ihrer Mittäterschaft zu befreien, frage ich mich dann gerade auch im Advent: Wie viel sagt das über unsere Gesellschaft aus, wenn ein schwuler Jugendlicher sein Zuhause ausgerechnet bei Hooligans finden muss? An wie vielen Türen muss er vergeblich um Obdach gebeten haben? In welches politische Lager flüchtet sich die arbeitslose Mutter mit fünf Kindern, über die im Bus verächtlich die Nase gerümpft wird und der niemand ein I’ll ride with you zusagt? Wie vielen Pegida-Demonstranteneltern hat die Hebamme gratuliert: Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Rassist! Wie wird der Fremdenfeind zum Fremdenfeind? Wie hätte man ihn bewahren können?

Vielleicht sollten wir weniger über Spitzenforschung und mehr über Perspektiven nach abgebrochener Berufsausbildung reden, vielleicht weniger über Schullehrpläne und mehr über Mobbing auf dem Schulhof, vielleicht weniger über die Frauenquote und mehr über ausreichend Kinderbetreuung, vielleicht weniger über die Erbschaftssteuer und mehr über die Millionen von Armut betroffenen Kinder in unserem Land.

Vielleicht kommt dann nämlich heraus: Tatsächlich gibt es kein reales Problem mit in Deutschland lebenden Muslimen und politisch verfolgten Flüchtlingen. Vielleicht ist das alles bloß Projektionsfläche für Menschen, die das Abgehängtsein gemein haben, Ventil für die, die sich bloß anders kein Gehör verschaffen können, und Nebenschauplatz für Probleme von Perspektivlosigkeit und Existenzangst. Und vielleicht bieten wir all jenen zuallererst unser Obdach und unser Gehör an, bevor sie an anderer Stelle aufgenommen, angeheizt und aufgestachelt werden. Vielleicht ist das das Gebot der Stunde. Errettet sie. Holt sie zurück. What would Jesus do?


Der Text wurde im Debattenmagazin The European publiziert. Auf deren Onlineplattform ist er seit dem 22. Dezember 2014 abrufbar.

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