19.02.2015

Klein mit Hut: In Zeiten des Aufruhrs


Nicht erst seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder der Ermordung der Redakteure und Karikaturisten des französischen Satire-Magazins "Charlie Hebdo" sind die Begriffe Religion und Gewalt eng miteinander verknüpft. Niemals war der gläubige Mensch ohne Krieg. Es liegt zweieinhalb Jahrtausende zurück, da der vorsokratische Philosoph Heraklit von Ephesos vom Krieg als "Vater aller Dinge" sprach.

Für viele Naturreligionen war der Krieg eine selbstverständliche Kategorie. Im Alten Testament spricht der Prediger Salomo: "Das Lieben hat seine Zeit und auch das Hassen, der Krieg und der Frieden." Jede der drei großen abrahamitischen Religionen kennt die kriegerische Auseinandersetzung, kennt die Gewalt, kennt den Terror.

Bewusstsein für die Verbrechen im Namen Gottes

Wer hoffte, zweitausend Jahre später seien die Menschheit und ihre Religionen von Krieg und Gewalt befreit, wird heute eines anderen belehrt. Die Weltlage scheint so düster wie lange nicht mehr. Überall erstarkt der religiöse Fundamentalismus. Selbsternannte Tempelritter morden in religiösem Wahn. Sie treiben Keile zwischen die Nationen, zwischen die Religionen, zwischen die Menschen.

Bei dem Massaker im pakistanischen Peschawar im vorigen Monat stürmen Taliban eine Schule. Über hundert Kinder sterben. Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram wütet im Norden Nigerias. Unter ihren Opfern sind Zehntausende Christen, Muslime und Juden. In Birma sind Muslime Opfer buddhistischer Mörderbanden. In Ägypten erfahren koptische Christen zunehmend Diskriminierung und Gewalt. Seit dem islamistischen Anschlag auf den koscheren Supermarkt in Paris in diesem Monat wächst die Furcht vieler Juden vor einem wiederkehrenden mörderischen Antisemitismus. Die Aufzählung ist unvollständig. Die politische Sorge um religiöse Gewalt ist allgegenwärtig. Sie ist auch berechtigt.

Dem medialen Zeitgeist entgehen diese Gräueltaten nicht. Die Nachrichten schaffen ein Bewusstsein für die Verbrechen im Namen Gottes. Blut beherrscht die Schlagzeilen. Das Bild der Religion gerät dadurch in Verruf: Religionen gelten als pauschal konfliktverursachend, pauschal konfliktverschärfend, pauschal konflikteskalierend. "Manchmal denke ich, es wäre besser, es gäbe keine Religionen", wird der Dalai Lama derweil unaufhörlich zitiert. Die Skepsis gegenüber den großen monotheistischen Religionen nimmt zu.

Samuel Huntingtons These vom "Clash of Civilizations" aus dem Jahr 1993 ist heute aktueller denn je. R. Scott Applebys Fundamentalismustheorien werden neu aufgelegt. Laufend erscheinen Publikationen zur Rückkehr der Religionen und zum Aufstieg religiöser Gewaltherrschaft. Sie alle dokumentieren das Konfliktpotenzial der Religionen, ihre Anfälligkeit für extremistische Gewalt und die von ihr ausgehende konkrete politische Gefahr für die Weltgemeinschaft. Sie alle irren nicht. Es wäre anmaßend und ehrlos, zu leugnen, wie viele Millionen Menschen Taten zum Opfer gefallen sind, die Religion erst möglich gemacht hat. Ihnen sind wir schuldig, ihr Andenken zu wahren und ihre Mörder zur Verantwortung zu ziehen.

Friedensauftrag des Glaubens

Dennoch werden wir mit einem öffentlichen Zerrbild der Religionen konfrontiert. Die Berichterstattung verdichtet und vermengt sich zu einem explosiven Cocktail mit eigenem Konfliktpotenzial. Schnell wird man im Glauben gelassen, der Islam sei pauschal fundamentalistisch und bedrohe das zivilisierte Abendland; die Entwicklung der Christenheit lasse sich an den Lippen des Papstes ablesen; das Judentum sei mit israelischer Regierungspolitik gleichzusetzen oder gar alle Religionen seien in ihrem Wahrheit beanspruchenden Wesen totalitär und kriegstreiberisch. Schnell wird man im Glauben gelassen, die Konfliktlinien verliefen nicht zwischen denen, die Demokratie, Freiheit und Toleranz hochhalten und denen, die diese Werte mit Füßen treten, sondern zwischen den Gläubigen der einzelnen Weltreligionen oder gar jenen, die gläubig sind und jenen, die es nicht sind. Beides ist nicht der Fall.

Martin Luther King, Mahatma Gandhi oder der schon genannte Dalai Lama selbst sind Beispiele für eine Religiosität, die um Frieden und Gerechtigkeit bemüht ist und Frieden und Gerechtigkeit vorantreibt. Ihr friedenspolitisches Wirken, ihre Schriften wie ihre gewaltlosen Aufstände sind aus inneren Glaubensüberzeugungen abzuleiten. Ihre publizistisch und wissenschaftlich umfassend aufbereiteten Lehren bezeugen theologisches Fundament. Sie stehen beispielhaft für unzählige Menschen, die sich dem Friedensauftrag ihres Glaubens verpflichtet fühlen und im Großen und Kleinen für mehr Frieden arbeiten, sei es durch ermutigende Appelle, karitativen Einsatz oder geführten Dialog.

Der Friedensbeitrag der Religionen zeigt sich nicht nur auf gesellschaftlicher Ebene. Religionsbasierte Akteure haben in zahlreichen historisch dokumentierten Gewaltkonflikten deeskalierenden und konfliktlösenden politischen Einfluss ausgeübt. Im Beagle­Konflikt zwischen Chile und Argentinien intervenierte der Vatikan unter Papst Johannes Paul II. Sein Sondergesandter verhinderte den Kriegsausbruch und brachte die Kontrahenten zurück an den Verhandlungstisch. Mithilfe des Papstes wurde ein Jahrhundertkonflikt friedlich und endgültig beigelegt. In Ruanda verweigerten sich die Muslime unter Berufung auf den Koran der Gewalt, als 1994 christliche Hutus innerhalb von 100 Tagen eine Million christliche Tutsis töteten. In ihren Moscheen boten sie den Verfolgten Zuflucht an. Ende der 1980er-Jahre war es die evangelische Kirche in der DDR, die auf mehrfache Weise unverzichtbar dazu beitrug, dass der Systemwandel gewaltlos verlief.

Alle Religionen und Gläubige aller Völker beherbergen ein ureigenes Friedenspotenzial. Doch selten dringt der religiöse Friedensbeitrag bis in die morgendliche Presserundschau durch. Durch Auszüge aus den heiligen Schriften und der Überlieferungen aller Weltreligionen ist das, was als Goldene Regel bekannt ist, nämlich das Gebot der gegenseitigen Achtung und Toleranz, formulierbar geworden. Ein Weltethos, dessen Grundlage Humanität ist, ist nicht bloß utopische Möglichkeit, sondern vielerorts auch gelebte Wirklichkeit geworden. Es gibt eine Chance für mehr Frieden mit allen Religionen. Um diese Chance muss gerungen werden.

Antwort auf die menschlichsten Fragen überhaupt

Es wird Zeit, zu begreifen, dass Religionsgemeinschaften, die Hunderte Millionen Menschen in sich vereinen, Mitverantwortung tragen für einen jeden Krieg und Frieden auf dieser Welt. Sie besitzen Macht und Leuchtkraft, sie führen an, ob sie wollen oder nicht. Wo aber Macht ist, lauert immer auch der Machtmissbrauch. Nichts ist wichtiger, als sich dieser Macht bewusst zu sein und die Führung dieser zu wollen, um mit ihr besonnen für mehr Frieden arbeiten zu können. Es wird Zeit, dass uns nicht mehr nur das immense Konfliktpotenzial der Religionen ängstigt, sondern wir endlich auch aus ihrem reichen Friedenspotenzial schöpfen und den aktiven Friedensbeitrag der Religionen einfordern. Die Stimme der Gemäßigten und Aufgeklärten muss immerzu die lauteste sein. Dazu sind wir alle aufgerufen - jeder von uns in seinem eigenen Wirkungskreis, in seiner eigenen Kultur, in seiner eigenen Religion.

Man kann es sich noch so sehr wünschen: Religion und Glaube werden niemals schwinden. Hier findet der Mensch Antwort auf die menschlichsten Fragen überhaupt. Hier erhält er Halt, Orientierung und Sinn. Was der Dalai Lama meint, wenn er wünscht, es gäbe keine Religionen, spiegelt sich auch in John Lennons "Imagine". Wenn da nur keine Völker wären, keine Religionen, nichts, was uns abgrenzt und unterscheidet, nichts, worum wir uns beneiden oder bekriegen müssten, dann wären wir am Ziel: Wir wären eins. "And the world will live as one." Ich glaube, wir können alle verschieden sein - und doch eines sein: Menschen, die sich achten. Mit und ohne Glauben. In jeder Religion.


Der Text erschien im Rahmen meiner politischen Kolumne Klein mit Hut im Meinungs- und Debattenmagazin The European. Auf deren Onlineplattform ist er seit dem 15. Januar 2015 abrufbar. Klein mit Hut erscheint jeden zweiten Donnerstag in The European.

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