19.02.2015

Klein mit Hut: Unter falscher Flagge


Als Kaiser Konstantin I. im Jahr 312 n. Chr. zu einem Feldzug gegen den eigenen Schwager und Rivalen Maxentius aufbricht, soll sich ihm - alten Erzählungen zufolge - ein göttliches Zeichen offenbart haben. Es sei zur Mittagsstunde erschienen, als Konstantin gen Himmel blickte und zunächst von gleißendem Licht geblendet wird. Dann aber sieht er ein Kreuz, ganz aus Licht und die Sonne überlagernd. Eine Stimme spricht zu ihm: "Durch dieses siege!"

Konstantin, dem es um die Arrondierung seines Machtbereiches im Westen Italiens einschließlich der alten Hauptstadt Rom geht und der einem Heer von 40.000 Mann vorsteht, befiehlt seinen Männern daraufhin, das Kreuz als Feldzeichen an die Schilde der Soldaten und die Fahnen seines Heeres anzubringen. In der entscheidenden Schlacht an der Milvischen Brücke ist Konstantin siegreich. Er wird alleiniger Herrscher im römischen Westreich und läutet ein, was heute als konstantinische Wende bekannt ist: Die Umkehr von der Verfolgung des Christentums zur Reichskirche der Spätantike.

Zur Erinnerung an die als Befreiung gefeierte Eroberung Roms lässt der römische Senat im Jahr 315 n. Chr. den Konstantinsbogen einweihen, in dessen Inschrift der Sieg Konstantins mit seiner Genialität ("mentis magnitudine") und dem Einfluss göttlicher Macht ("instinctu divinitatis") begründet wird. Der Bischof Eusebius von Caesarea schreibt ein Loblied auf Konstantin, in dem es heißt, dass dieser einen "Krieg unter dem Kreuz führe, welcher damit heilig sei". Fortan werden Feldzüge zur Ausdehnung des Christentums theologisch legitimiert und praktiziert.

Selbstentäußerung statt Triumphalismus

Wie aber sähe die Kirche von heute aus und wie auch sähe das Europa von heute aus, hätte Konstantin die Erscheinung des Kreuzes auf eine andere Art verstanden? Diese andere Art des Lesens und Verstehens beschreibt der Apostel Paulus zum Ende hin des 2. Korintherbriefes. Dass Christi Kraft in Schwachheit mächtig ist, dass sie bei denen wohne, die sich mit Schwachheit rühmen, heißt es dort. Darum sei er frohen Mutes in Nöten und in Verfolgung um Christi willen, spricht der Apostel, "denn wenn ich schwach bin, bin ich stark".

Für den Apostel Paulus ist das Kreuz Zeichen der Kenosis, der Selbstentäußerung, des Verzichts auf die Herrlichkeit des Seins bei Gott, des Tausches der Gottesgestalt gegen ein Sklavendasein um der Menschen willen, des Aktes Jesu als Ausdruck der Liebe Gottes - das alles ist auch das Paradox, auf dem das Christentum selbst gründet, und es ist all das, was die konstantinische Deutung nicht ist: das Gegenteil von Triumphalismus und Hochmut, das Gegenteil von Macht und Gewalt, das Gegenteil von Zwang und Unterdrückung.

Kirche als ängstlich verschlossene Festung

Die Moderne ist, weiß Gott, kein gewolltes Kind der Kirche. Der Gehorsam gegenüber der Kirche wird infrage gestellt. Mit der Auflösung der Einheit von weltlicher und geistlicher Macht blühen Pluralität und Dynamik auf. Auf Grundlage der Fragmentierung der Gesellschaft konstituiert sich die säkulare Welt. Das traditionell-konservative Christentum begegnet der Moderne mit Engherzigkeit und Verdächtigungen. Die Kirche als offenes Gotteshaus verbarrikadiert sich zur ängstlich verschlossenen Festung. Der Weg zu Freiheit und Emanzipation, zu Mündigsein, Erwachsensein und Reife wird nicht als Raum religiöser Wirklichkeit und Erfahrung wahrgenommen, sondern wird konsequent als Feindbild zu bekämpfen versucht. Ein Fehler. In Wahrheit ist die Moderne kein Gegenentwurf zur Religiosität, sie ist bloß eine Kulturbiosphäre, in der man sich um Weiterentwicklung bemühen oder sich dieser traumatisch verschließen könne.

Der antimodernistische Kampf der Kirche ist blutig und kaltherzig, unglücklich und falsch. Er kann gar nicht siegreich sein. Auf die Freiheitsliebenden reagieren die christlichen Glaubenskrieger mit der Unheiligkeit konstantinischer Kriege. Ihr Blut ist Grund genug für viele, dem Christentum den Rücken zu kehren. Gleichsam reißen die Inquisitoren auf ihrer Hexenjagd mit dem Unkraut auch den Weizen aus. In Wissenschaft und Philosophie fehlt es an intellektueller Ebenbürtigkeit. Es setzt sich ein religiöser Partikularismus durch, der die Einigkeit der Gläubigen bricht und ihre gemeinsame Geltungsmacht schmälert.

Bis heute gelten der Atheismus und der Laizismus in einem säkularisierten Westen als Sieger der Moderne. Zivilisatorischer Fortschritt sind beide aber nur dann, wohnt ihnen keine ureigene Religiosität, kein ureigener Ideologismus inne. Bleiben Atheismus und Laizismus auf halber Strecke stehen und finden nicht den Mut, die eigene Überzeugung in Zweifel zu ziehen, verkommen sie zur Religion sui generis.

Umkehrung des Kreuzparadoxons

Für den Atheismus und den Laizismus gilt genauso wie für die Kirche die Umkehrung des Kreuzparadoxons: Wer gesiegt hat, der verliert. Wer allherrschend und gebieterisch ist, entledigt sich seiner Selbstreflexion. Gerade das Christentum wird daran gemessen werden, ob es der Verführung des Triumphalismus widerstehen und sich seiner sicher sein kann in der Moderne. Die Moderne ist kein Untergang der Religiosität. Sie ist eine Chance. Joseph Ratzinger und Jürgen Habermas sind gleichsam zu dem Schluss gekommen, dass ein selbstkritisches Christentum und ein selbstkritischer Säkularhumanismus einander notwendig brauchen, um ihre Einseitigkeiten gegenseitig zu korrigieren. Für den Gläubigen mag der Glaube in der Moderne gar der wirkungsmächtigste und erleuchtendste überhaupt sein: Es ist ein Glaube in Selbstvergewisserung.


Der Text erschien im Rahmen meiner politischen Kolumne Klein mit Hut im Meinungs- und Debattenmagazin The European. Auf deren Onlineplattform ist er seit dem 15. Januar 2015 abrufbar. Klein mit Hut erscheint jeden zweiten Donnerstag in The European.

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