18.11.2015

Der Missionar und der Philosoph


Vor rund einem Jahr fällt mir ein Text in die Hände. Zufällig. Er liegt auf meinem Tisch im Hörsaal. Zwei Seiten Papier. Schreibmaschinenbedruckt. Schlecht kopiert. Es handelt sich um einen philosophischen Disput. Ein religiöser Missionar argumentiert gegen einen liberalen Philosophen. So oft ich die Seiten auch wende und drehe, es erschließen sich mir keine Quellen. Da ist einfach nur dieser Disput. Missionar gegen Philosoph.

Der Philosoph geht den Missionar an: "Wie kannst Du an einen Gott glauben, der ein Volk als höchstes auserwählt und der damit gleichsam alle anderen zu niederen erklärt? Wie kannst Du an einen Gott glauben, der Zwietracht sät und Gewalt erntet, der die Menschheit teilt statt eint, der ihr befehligt, den Worten eines einzigen Auserwählten Folge zu leisten?" Die Propheten der Religionen sind dem Philosophen ein Dorn im Auge. Sie stiften Unfrieden, ist seine Auffassung.

Der Missionar rechtfertigt sich: "Gehst Du nicht gleichermaßen davon aus, dass dies, was nun durch Dich vorgetragen wird, gehaltvoller ist als das, was ich vortrage? Erklärst Du Dich soeben nicht selbst zum Wahrheitsmächtigen? Verhöhnst Du mit Deinem eingebildeten Allwissen nicht ebenso all jene, die Dir nicht folgsam sind? Fühlst Du Dich ihnen nicht in gleicher Weise erhabener?" Der Missionar vertritt die Auffassung, Anschauungen stünden im Wettstreit. Jede Anschauung habe  ihre Führer - auch jene ohne offenkundige Gottesgesandte.

"Du irrst", antwortet der Philosoph, "Meine Philosophie baut nicht darauf auf, dass ein Einziger durch göttliche Auswahl Gehaltvolleres weiß als ein Anderer. Meine Philosophie baut darauf auf, dass das eigentlich Prophetische, Offenbarung und Wahrheit, in uns allen schläft, dass ein Jeder von uns befähigt ist, sich durch seine Vernunft an die gehaltvollste Erkenntnis heranzuarbeiten. Meine Philosophie schließt nicht aus, sie schließt ein. Sie richtet sich nicht gegen Wahrheit, sie richtet sich gegen die Exklusivität von Wahrheit." Dann ist der Disput beendet. Missionar und Philosoph gehen auseinander.

Doch woher stammt der Text?

Das Schriftstück ist bemerkenswert. Es brennt sich mir auf der Stelle ein. In aller Kürze und Prägnanz hinterfragt es Autorität und Hierarchie religiöser Gruppen und enthüllt die Möglichkeit eines freien und offenen Glaubens der Nachinnengerichtetheit. Der Disput zeichnet das Bild eines ebenbürtigen Austausches zwischen religiösen Gelehrten und liberalen Philosophen und lässt den Schluss einer Vielfalt von religiösen wie philosophischen Denkrichtungen zu. Doch woher stammt der Text?

Wochenlang bleibt mir der Ursprung der Schrift verborgen. Durch einen Zufall finde ich schließlich heraus, dass sie dem Arabischen entstammt. Die Wortführer sind zwei Perser, der islamische Gelehrte Abu Hatim al-Razi und der Philosoph, Arzt und Naturwissenschaftler Muhammad ibn Zakariya al-Razi. In seiner Schriftsammlung "The Proofs of Prophecy" ist es der islamische Gelehrte selbst, der von dem intellektuellen Aufeinandertreffen der beiden berichtet. Das Ganze ist auf das 9. Jahrhundert datiert.

Derartige Diskurse sind in der islamischen Welt des frühen Mittelalters keine Seltenheit. Ein Jahrhundert nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 gründet sich am westlichen Ufer des Tigris die Stadt des Friedens, das spätere Bagdad, und wird Zentrum des abbasidisch-islamischen Reiches. Dort legt Abdallah al-Mansur, einer der ersten Abbasidenherrscher, den Grundstein für eine Bibliothek mit Übersetzungsinstitut. Bald schon beherbergt das Haus unzählige Schriften indischer, persischer und griechischer Wissenschaftler. Systematisch werden die Abhandlungen orientalischer Pioniere auf den Gebieten der Mathematik, Astronomie und Medizin zusammengetragen und durch die Übersetzung ins Arabische der gesamten islamischen Welt zugänglich gemacht. Insbesondere die Übersetzung der aristotelischen Schriften hat Einfluss auf eine neue theologische Denkrichtung: die Mutaziliten betrachten den Koran als etwas Menschengemachtes, wonach er Gegenstand der Kritik sein könne und nach logischen Prinzipien interpretiert werden dürfe. Den konservativen Klerikern des Islams stößt dieser Gedanke böse auf. Die mutalizisitsche Denkrichtung wird der Häresie verdächtigt. Die Debatte prägt das arabische Schrifttum bis ins 10. Jahrhundert hinein.

Im Hochmittelalter erlebt die islamische Welt ihre intellektuelle Blütezeit. Die Debatten ihrer Gelehrten sind bahnbrechend. Zahlreiche Schlüsselwerke der abendländischen Philosophie sollen ursprünglich aus ihren Federn stammen. So auch eine geheimnisvolle Schrift mit dem Titel "Liber de causis", zu Deutsch: "Das Buch der Ursachen". Als sie im frühen 13. Jahrhundert in die Hände europäischer Gelehrte gelangt, herrscht helle Aufregung. Sie handelt vom Verhältnis des Einen und des Vielen, des jenseitigen Gottes der Schöpfung und der diesseitigen Welt der Pluralität, und gibt Antworten auf zentrale Fragen der Spätantike. Gelehrte wie Roger Bacon oder Albertus Magnus vermuten die Urheberschaft bei Aristoteles selbst. Thomas von Aquin glaubt zu wissen, die Schrift stamme von den Neuplatonikern. Gesicherte Erkenntnis ist heute, dass der Text im 12. Jahrhundert in Toledo aus dem Arabischen übersetzt wird. Der Stil der Schrift erinnert an die Gelehrten Bagdads. Urheber könnte der arabische Philosoph Yakub al-Kindi sein, dessen Gesamtwerk erstaunliche Ähnlichkeiten zum "Buch der Ursachen" aufweist. Beweisen lässt sich das aber nicht.

Europas verborgene Wurzeln

Gegenüber nationalistischer Anmaßungen aus dem letzten Jahrhundert ist das heutige stolze Bekenntnis Europas zu seinen christlich-jüdischen Wurzeln ein glücklicher Durchbruch. Es ist dennoch unvollständig. Noch immer hält Europa seine zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften aus dem Morgenland versteckt. Das hat vielerlei Gründe. Der christliche Klerus verdammte den Averroismus und Aristotelismus, den durch die Kreuzzüge vertriebenen Muslimen gönnte man keinerlei Anerkennung, mit den Quellenangaben nahm man es zur damaligen Zeit ohnehin nicht so genau.

Der Westen als Sehnsuchts- und Heimatort der Freiheit und Vernunft lebt auch von der Herabwürdigung der Orte, die außerhalb seiner Grenzen liegen. In einer unhaltbaren Monokausalität wird ein allgemeines orientalisches Islambild zur antimodernistischen Gegenkultur erklärt. Um diese Sichtweise zu festigen und zu schärfen, verbannt sich jeder Einfluss islamischer Philosophen und Wissenschaftler mitsamt ihrem Wirken aus dem europäischen Bildungswesen - auch durch die Lateinisierung muslimischer Namen.

Dass es einen fulminaten Transfer zivilisatorischer und kultureller Errungenschaften zwischen Orient und Okzident gegeben hat und liberale islamische Denkschulen schon Funken sprühten, bevor das Licht europäischer Aufklärung in die klerikalen Festungen Europas drang, und auch heute sprühen, und Freunde suchen statt Feindesfreunde, ist dabei nur logisch: Jeder Gartenkundige versteht: Wurzeln schlagen sich durch das Erdreich, wie es ihnen passt - und nicht ihrem Gärtner. 

1 Kommentar:

  1. Eine schöner, kluger Text. Unsere Identität ist meist so verschieden von dem, was wir glauben zu sein, hat so viele Quellen, dass es uns keine Angst machen muss, das angeblich Fremde mit Interesse zu betrachten. Es steckt meist mehr Gemeinsames und Verbindendes im Fremden als wir vermuten.Und das Fremde wird unmerklich vertrauter. Es braucht aber das Interesse am Anderen und Unbekannten. Wenn es dann gegenseitiges Interesse an den Unterschieden und Gemeinsamkeiten der jeweils Anderen ist, dann haben wir alle gewonnen.

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