17.12.2015

Gastbeitrag im Libertine Magazin: Plädoyer für ein christlich-konservatives Ja zur Ehe für alle

1. Ausgabe des Gesellschaftsmagazins Libertine.
Ab 16. Dezember 2015 deutschlandweit im Handel erhältlich.

Die Debatte um die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare hat erneut an Fahrtwind aufgenommen. Das Ja der Iren und die Bestätigung des in der Verfassung garantierten Rechts auf gleichgeschlechtliche Eheschließung in einem Urteil des Supreme Courts in den USA im Sommer diesen Jahres haben weltweit für Aufsehen gesorgt. Während sich das Weiße Haus anlässlich des "Liebessiegs" ("#lovewins") stolz-berauscht in Farbenpracht präsentierte, zeigte man sich in Vatikankreisen wehklagend bis entzürnt. Kardinalstaatssekretär Pietro bezeichnete die jüngsten Entscheidungen gar als "Niederlage für die Menschheit".

Der Deutsche hingegen tat und tut sich schwer. Bis 2017 ist mit der Gleichstellung der homosexuellen Lebenspartnerschaft mit der heterosexuellen Ehe nicht zu rechnen. Dabei täte der moderne Antreiber Europas gut daran, sich des eindeutigen Votums der deutschen Mehrheitsbevölkerung und der Fortschrittsbewegung der westlich-liberalen Wertegemeinschaft anzuschließen.

Wie das Ausland zeigt, ist die institutionelle Ungleichbehandlung durch den weltanschaulich neutralen Staates ohnedies nicht mehr lange zu halten. Im Gegenteil: Die Zurückhaltung des deutschen Parlaments blamiert die rechtsstaatliche Legislativmacht. Ausgerechnet die Kritiker des Eheprojekts aus christlich-konservativem Hause, einschließlich der CDU/CSU`Bundestagsfraktion, verschlafen in ihrer ängstlich-verbarrikadierenden Haltung obendrein den eigenen Kultursieg.

"Gegen Liebe können wir Christen uns nicht stellen"

"Für mich ergibt sich aus den zentralen biblischen Geboten der Impuls zu einer Öffnung der Kirche gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften", erklärt Heinrich Bedford Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche, im Mai diesen Jahres dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". "Unser Klügerwerden bezieht sich auch auf die Frage der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften", meint auch der evangelische Kirchentagspräsident Andreas Barner und mahnt beim diesjährigen Schlussgottesdienst an: "Gegen Liebe können wir Christen uns nicht stellen."

Und in der Tat wurzelt die bisherige Herabsetzung gleichgeschlechtlicher Liebe durch die Mehrheit der Kirchenvertreter mitnichten in Jesu Liebesgeboten. Hinter bizarrem Ideologismus verstecken sich eindeutige niederträchtige Angriffe auf die Menschenwürde. Diese wiederum offenbaren nichts anderes als das fehlende Selbstvertrauen der Kirchen.

Die Moderne aber ist kein Gegenentwurf von Religiosität oder Feind des Glaubens, sie ist bloß die Kulturbiosphäre, in welcher sich das Christsein an der freien, mündigen Entscheidung und einer Haltung der ständigen Selbstvergewisserung misst. Die Gleichstellung Homosexueller nimmt dem Christen nichts. Sie gibt ihm. Wer in seine Mitte nimmt statt auszugrenzen, wer offenes Gotteshaus statt ängstlich verbarrikadierte Festung ist, der beweist seinen Glauben.

"Wer bin ich, über Homosexuelle zu urteilen?" - das ist original christliche Gottesfurcht à la Papst Franziskus. Ein ähnlich kluges Glaubenszeugnis entstammt den Liedzeilen einer in der theologischen Lehre eher unbekannten Figur namens Lady Gaga: "I'm beautiful in my way / 'cause God makes no mistakes / I'm on the right track, baby / I was born this way"

Ehe für alle als konservativer Kultursieg

Zur Aufhebung der Benachteiligungen gegen Homosexuelle in allen Lebensbereichen verpflichtete Regierungssprecher Seibert die Bundesregierung nach Bekanntwerden des Urteils des US-amerikanischen obersten Gerichtshofes. Zur Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Partnerschaften konnte sich die Bundesregierung dann aber doch nicht durchringen: Da sei kein Handlungsbedarf. Verschiedenes müsse verschieden heißen, erklärte man in der Bundespressekonferenz. Dabei führen Befürworter und Dagegenhalter in der Frage um die Öffnung der Ehe schon lange keine semantische Debatte mehr. Der besondere Schutz der Ehe durch die deutsche Verfassung hebt die gemeinte heterosexuelle Ehe über die homosexuelle Lebenspartnerschaft. Nur mit Öffnung des Ehebegriffs gelingt die vollständige rechtliche Gleichstellung. Die Verweigerung des traditionsreichen Ehekonzeptes für gleichgeschlechtliche Partnerschaften steht hingegen weiterhin auch für eine kulturelle Ungleichbehandlung.

Wenn die Linke aber für die Libertinage steht, der Konservative hingegen Bindung und Beständigkeit Ehre erweist, warum erklingt die Forderung nach der Öffnung der Ehe dann nicht am hörbarsten aus christlich-konservativen Kreisen? Schon der britische Premier Cameron entdeckte das Projekt für sich: "Ja, es geht um Gleichberechtigung, aber es geht auch um etwas anderes: sich zu verpflichten. Konservative glauben an Bande, die uns verbinden; daran, dass die Gesellschaft stärker ist, wenn wir einander Versprechen abgeben und uns gegenseitig unterstützen. Deshalb unterstütze ich die Homo-Ehe: Nicht, obwohl ich ein Konservativer bin. Ich unterstütze die Homo-Ehe, weil ich ein
Konservativer bin."

"Wir Konservative haben einen Kulturkampf gewonnen und merken es nicht", kommentiert auch der schwule CDU-Politiker Spahn das Dagegenhalten in seiner Partei. Die Ehe als Sehnsuchtsort und Erfahrungsraum für rechtlich verbindliche Verantwortung ist urkonservatives Ideal. Dass dieses geteilt wird, gewollt also von Schwulen und Lesben, ist nichts anderes als ein konservativer Kultursieg, einer, den alle Konservativen begrüßen sollten.

Die Ehe für alle wird kommen

Modernisten schwören der staatlichen Förderungswürdigkeit der Ehe insgesamt ab. Sie treten gar für die Abschaffung des besonderen Verfassungsschutzes der Ehe ein und machen sich auf zu neuen Ufern: Aus dem veralteten Ehegattensplitting solle das moderne Familiensplitting werden. Doch was meint Familie? Familie ist, wo sich Menschen füreinander entscheiden, sich in guten und in schlechten Zeiten beistehen, ihren Hafen finden im Gegenüber, sich Orientierung und Zufluchtsort sind, gemeinsam Wurzeln schlagen. Partnerschaften von Mann und Mann und Frau und Frau schließen Familiengründung mit Kind nicht aus. Wer das Staatskonzept Ehe mitsamt seiner Privilegien also gleichgeschlechtlichen Partnerschaften vorenthalten will - und das aus Nachkommenschaftsgründen -, argumentiert grob unschlüssig.

Die Ehe für alle wird kommen. Bereits in mehreren Urteilen deutete das Bundesverfassungsgericht die Stoßrichtung an: Diskriminierungen gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften sind verfassungswidrig. "Es ist verfassungsrechtlich nicht begründbar, aus dem besonderen Schutz der Ehe abzuleiten, dass andere Lebensgemeinschaften im Abstand zur Ehe auszugestalten und mit geringeren Rechten zu versehen sind§, heißt es in einem 2009 veröffentlichten Beschluss. Für den israelischen Philosophen Margalit gründet die bestmögliche Gesellschaft, die anständige nämlich, auf Institutionen, die nicht demütigen. Der weltanschaulich neutrale Staat darf moralistischen Verführungen, die zu Auf- und Abwertungen einzelner Lebensentwürfe führen, nicht stattgeben. Auch deshalb versickern die Argumente gegen die "böse, böse Genderlobby": Nicht die Gleichbehandlung muss zum Gegenstand einer Rechtfertigungsdebatte werden; die Ungleichbehandlung muss es.

Parteipolitisches Machtkalkül und unhaltbare Argumentationen gerade aus dem christlich-konservativen Milieu verzögern die Öffnung der Ehe bisweilen. Das Primat der Politik und das Verhalten der in ihrem gesetzgeberischen Gestaltungsauftrag vereinten deutschen Rechtsstaatsparteien machen in der Frage um die rechtliche Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften keine glückliche Figur. Politischsein hieße, visionär voranzugehen statt sich von Gerichten verpflichtenzu lassen. 2017 wird die Ehe für alle also kommen. Der Christ und Christdemokrat in mir kann sie nur wollen. Er will sie stolz-berauscht wie nüchtern-klar, er will sie mit Haltung. Das Nein, die Zweifel, die Zurückhaltung der CDU - sie sind mir ein verschlafener Sieg.

Der Text erschien in der 1. Ausgabe des Gesellschaftsmagazins Libertine. Es ist ab dem 16. Dezember 2015 deutschlandweit im Handel erhältlich.

Kommentare:

  1. Sehr geehrte Frau Kinnert,
    wenn Sie die Ehe nicht nur für Mann und Frau befürworten, warum wollen Sie die Ehe dann nicht für mehr als zwei Personen öffnen? Ehen von einem Mann mit mehreren Frauen oder (seltener) einer Frau mit mehreren Männern sind fast für ein Drittel der Weltbevölkerung legal möglich. Warum nicht für uns? Ehen zwischen zwei Männern oder zwei Frauen sind jedoch nicht einmal für zehn Prozent der Weltbevölkerung möglich. Wäre es da nicht konsequent, das in der herrschenden Meinung der Welt wesentlich verbreitetere zuerst oder zumindest auch zu akzeptieren?

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  2. Die Anthropologische Bedeutung der Ehe – Teil I

    Sehr geehrte Frau Kinnert,

    in Ihrem Beitrag argumentieren Sie sinngemäß, dass aus der Bedeutung, der im Christentum der Liebe zugemessen wird, Christen sich nicht gegen die Liebe stellen können und in der Folge Liebe auch nicht bewerten können. Daraus folgern Sie, die Institution der Ehe müsse auch gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften geöffnet werden, da die derzeitige Institution der eingetragenen Lebenspartnerschaft eine Abwertung gegenüber der Ehe darstellt.

    Ihre Argumentation fusst darauf, dass die Ehe ausschließlich oder weitgehend den Ausdruck der Liebe beider Partner zueinander darstellt und folgerichtig eine Differenzierung der Institutionen auch eine Differenzierung der an dieser Verbindung beteiligten Partner voraussetzt.

    Damit übersehen Sie jedoch eine weithin unterschätze Bedeutung der Ehe im Zivilisationsprozess von Hochkulturen, wie unsere Gesellschaft sie hervorgebracht hat:

    Denn was immer Sie glauben, was die Ehe ist – sie ist all dies und sie ist noch viel mehr. Die Ehe als gesellschaftlich garantierte dauerhaft monogame Gemeinschaft von Mann und Frau stellt den Hauptteil des kulturellen Erbes der Menschheit dar und sollte nicht einfach nach unserem aktuellen Geschmack in ihrem Kernbereich verändert und damit zukünftigen Generationen entzogen werden.

    Zur Kulturanthropologie der Ehe:

    Nachdem die dauerhafte Monogamie ursprünglich in den frühen Ackerbaugesellschaften der Jungsteinzeit eingeführt worden war, um allzu häufige Erbteilungen zu vermeiden, nahm die Konkurrenz der ehemals dominant kleine Horden anführenden Männer um Frauen und Nachwuchs so stark ab, dass Männer nun über das Lebensnotwendige hinaus zusammenarbeiten konnten.

    So konnten nicht nur arbeitsteilige Gesellschaften entstehen, die Männer konnten zudem ihre nun nicht weiter durch Kämpfe untereinander und für die Begattung möglichst vieler Frauen gebundene Tatkraft zur nachhaltigen Verbesserung der Lebensumstände einsetzen. Ihre Motivation dazu wurde durch ihre Verantwortung für Frau und Kinder noch weiter gesteigert.

    Dort, wo die monogame Ehe die vorherrschende Form des Zusammenlebens darstellte, bildeten sich die ersten Hochkulturen. Egal ob in Mesopotamien oder Ägypten oder unabhängig davon in Indien, China und später in Europa und Amerika: Stets war die vorherrschende Familienform die dauerhafte verschiedengeschlechtliche Monogamie und diese wurde von der Gesellschaft mit z.T. drakonischen Strafen geschützt. Lediglich den Königen war es als Zeichen ihrer Macht erlaubt, mehrere Frauen zu ehelichen.

    Die Institution Ehe stellt mithin die Mutter der menschlichen Zivilisation dar. Die Unfähigkeit vieler Hochkulturen, die Einschränkungen, die die Ehe für den einzelnen mit sich bringt auch dann noch aufrechtzuerhalten, wenn die Phase individuellen Wohlstands erreicht war, führte in der Folge zu einem Nachlassen der kulturellen Entwicklungsgeschwindigkeit und zum Niedergang der Kultur.

    So war es nach dem Niedergang der antiken Kulturen in Europa auch erst ab der Etablierung der Ehe durch die Kirche im 12 Jahrhundert möglich, das Mittelalter zu überwinden.

    Fortsetzung folgt.

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  3. Anthropologische Bedeutung der Ehe – Teil II

    Folgen einer Öffnung der Ehe für Homosexuelle

    Die zivilisatorische Wirkung der Ehe beruht hauptsächlich auf der konkreten Inaussichtstellung einer eigenen Familie für annähernd jeden jungen Mann im „Kampfalter“ zwischen 15 und 30 Jahren. Durch die Aufgabe des Ehe-Strukturelements der verbindlichen Verschiedengeschlechtlichkeit geht nicht nur die gesellschaftlich-moralische Unterstützung für die Mehrheit der heterosexuellen jungen Männer bei der Suche nach einer Partnerin verloren – die nun prominente Institution der gleichgeschlechtlichen Ehe rückt zudem z.B. die Freundinnen der Wunschpartnerin zusätzlich als mögliche Konkurrentinnen der jungen Männer um eine Beziehung in den Focus und senkt zusätzlich die Zuversicht der jungen Männer auf eine eigene Familie.

    Mit dem Strukturelement der verbindlichen Verschiedengeschlechtlichkeit der Ehe war und ist die Ehe die stärkste Kulturinstitution, die die gesellschaftliche Heteronormativität stützt. Das schließt Toleranz gegenüber anderen Formen nicht aus, gibt der Mehrheitsgesellschaft aber deutlich Orientierung.
    Die gesellschaftliche Heteronorm sichert der heterosexuellen Mehrheit ab der frühkindlichen Prägung die bewußte und unbewußte Gewissheit, später einmal mit dem anderen Geschlecht verheiratet zu sein und Kinder zu haben. Diese Gewissheit wird im Laufe der Kindheit und Jugend immer wieder durch elterliches Vorbild und gesellschaftliches Leitbild bestätigt, so dass beim Erwachen des Sexualtriebes der Eigeninitiative ein klares und erstrebenswert Ziel geboten wird, das den Erwerb gesellschaftlicher Anerkennung und persönlichen Glücks auf unkompliziertem Weg erlaubt und Spielräume läßt und Energien freisetzt für Ausbildung und Karriere.
    Die neue Unklarheit in der Zielsetzung für heterosexuelle junge Menschen wird vor allem jene treffen die seit ihrer frühen Moralentwicklung ab etwa dem 4. Lebensjahr mit den neuen Möglichkeiten und Leitbildern konfrontiert werden und die sich daher bei der Brautschau bereits von ihrem Weltbild – ihren „inner working models“ - her weit weniger legitimiert und sicher fühlen, als die Generationen vor ihnen. Damit schwindet die Integrationskraft der Gesellschaft insbesondere für junge Männer und die Voraussetzungen für zivilisatorischen Fortschritt wie die Motivation zur Zusammenarbeit und Einordnung in hierarchische Strukturen werden geschwächt werden.

    Ethische Dimension

    Die Etablierung der gleichgeschlechtliche Ehe hat nicht nur mittelfristig das Potenzial, unserer Zivilisation erhebliche Schäden zuzufügen. Eine Unumkehrbarkeit dieses Prozesses durch eine verfassungsrechtliche Absicherung der Ehe für Alle würde zukünftigen Generationen zudem ein mächtiges Instrument zur Stärkung ihrer Zivilisation aus der Hand zu schlagen - etwas, wozu wir ungefähr so viel Berechtigung haben, wie zur Naturzerstörung im Hinblick auf die Ressourcen, die wir künftigen Generationen hinterlassen.

    Einordnung der eingetragenen Lebenspartnerschaft

    Für gleichgeschlechtliche Paare gibt es die eingetragene Lebenspartnerschaft. Sie ist in geringerem Maße gesellschaftliches Normativ und schränkt damit in geringerem Maße die Orientierung der jungen Generationen an einem Sozialisierungssystem ein, das den Grossteil der Bevölkerung immer wieder aufs Neue zivilisiert.

    Fazit

    Wie Sie sehen, liegt der Unterscheidung zwischen Ehe und eingetragener Lebenspartnerschaft keine moralische Bewertung der Sexualität oder der Partner selber zugrunde, sondern ein Sachzwang, der sich aus der Nutzbarmachung unserer biologischen Grundlagen im menschlichen Zivilisationsprozess ergibt.

    Da mir hier lediglich 4.096 Zeichen zur Verfügung stehen, verzichte ich hier auf meine Quellenangaben. Sie können diese bei Interesse jedoch gerne anfordern.

    Mit freundlichen Grüßen,

    Oliver Meineke

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    1. Teile Ihre Ausführungen zum großen Teil und komme dennoch zu anderen Schlussfolgerungen: Zivilisatorische Nutzbarmachung erkenne ich auch in der Verantwortungs- und Fürsorgegemeinschaft zweier Menschen; der Ehebegriff führt nicht per se zu Nachwuchs. Die Debatte ist keine semantische; die Lebenspartnerschaft mit weniger Rechten ausgestattet. Das kritisiere ich.

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  4. Vielen Dank für Ihre prompte Antwort, die ich gerne erwidere:

    was Sie an zivilisatorischem Nutzen bei 5% der Bevölkerung möglicherweise gewinnen werden, kann nicht annähernd kompensieren, was Sie bei 90% an integrativem und motivatorischem Nutzen für die Gesamtgesellschaft verlieren werden - vielleicht nicht in der 1. Generation, sicher jedoch ab der 2. und 3..

    Die Ehe mag nicht automatisch zu Reproduktion führen - dennoch kann man sich leicht ausrechnen, dass die für ein Nullwachstum notwendige Reproduktionsrate verschiedengeschlechtlicher Paare bei gut 2 Kindern liegt, während sie bei lesbischen Paaren bei etwa 4,4 Kindern liegt, da schwule Paare üblicherweise nicht reproduzieren. Dieses Missverhältnis wird in der Praxis so viele Probleme aufwerfen, dass die Chancen, dass gleichgeschlechtliche Paare jemals so effizient zur Reproduktion beitragen können, wie Hetero-Paare getrost mit 0 ansetzen kann.

    Inwiefern Sie ausschließen, dass es sich um eine semantische Diskussion handelt, müssen Sie mir erklären. Der Ehebegriff prägt nun mal auch als Wort, wie als Institution die Vorstellungen nachwachsender Generationen und macht somit einen wichtigen Teil des kulturellen Wissens und Verständnisses dieser jungen Menschen aus. Eine Verwechselung beider Institutionen sollte nach Möglichkeit ausgeschlossen werden, um nicht zu den von mir beschrieben Erschwernissen in der Paarbildung zu führen.

    Ich sehe wenig Notwendigkeit, in rechtlichen Details einen Unterschied zu machen, wichtig bleibt die Unterscheidbarkeit nach außen. Eine absolute Notwendigkeit, Gleichheit zu gewährleisten, sehe ich aber nicht von vorneherein - das wäre nur Ausdruck eines überzogenen Moralismus, der zwar dem eigenen Selbstwertgefühl schmeichelt, jedoch kaum Maß und Vernunft kennt.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Oliver Meineke

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    1. Ja - da bin ich nicht weit weg von Ihnen. Dass die Ehe unter besonderem Schutz steht, laut Grundgesetz, die Partnerschaft aber nicht, finde ich eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung - wenn auch sehr abstrakt. Ich sehe dann zwei Möglichkeiten, entweder die Partnerschaft aufgehen zu lassen im Ehebegriff, was ich vorziehe, weil ich das Reproduktionsargument nicht zwingend finde für den Titel, oder aber die Partnerschaft ins Grundgesetz dazuzuschreiben. Darum geht es wohl im Kern der Debatte. Dass Verschiedenes verschieden heißen darf, kritisiere ich nicht. Danke für Ihre Ausführungen!

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