14.06.2017

Gastbeitrag für das Couragiert-Magazin: Ausgefranste Ränder

Die politische Kultur ist heftigen Eruptionen ausgesetzt. Doch der öffentliche Pranger wird nichts nützen. Für das Couragiert-Magazin habe ich einen Gastbeitrag geschrieben.


Es mehren sich die ignorierenden unangenehmen Positionen, auch verfassungsfeindliche Meinungen und deren politische Führer. War Demokratie früher besser? Waren die Menschen früher besser? Zu Zeiten, da sich der demokratische Diskurs zwischen der Wahl von "Steuern rauf" oder "Steuern runter" gut zu beschäftigen wusste, statt über die Wertigkeit von Menschen anderer Hautfarbe oder Religion zu diskutieren?

Was also tun mit all dem Rechtspopulismus, mit neuen autoritären und extremistischen Kräften jedweder Gesinnung, auch den religiös motivierten? Werden sie für respektiert erklärt, indem man jene Positionen als oppositionellen Gegner akzeptiert? Öffnet man durch die ernsthafte Auseinandersetzung den Korridor des Sagbaren gen Rand, relativiert und verharmlost man jene Positionen oder lädt gar zum Tabubruch ein? Der öffentliche Diskurs ist sich uneins.

Doch die Narrative des demokratischen Diskurses können nicht nur von einer Seite bestimmt werden; nicht einmal dann, wenn die Gegenseite Dunkeldeutschland heißt. Demokratie ist ein integrativer Prozess; ihr verhandeltes Resultat ist nicht immer der Median zwischen beiden Extremen, aber in jedem Fall ein konsensual verhandelter Kompromiss innerhalb des von Extremen eingeschlossenen Korridors.

Es ist ein Irrglaube, dass sich Gedachtes, Gesagtes oder Getanes nur durch Gedankenkraft von diesen Korridoren des demokratischen Angebotes entfernen lässt. Weil der Demokratie eine antagonistische Struktur innewohnt - sie ein Marktforum von Angeboten des Widerspruchs, des Meinungspluralismus, des Ideenwettstreits und der Wahlfreiheit ist - gehört es zu ihrem Wesen, Gedanken gegeneinander antreten zu lassen, und seien sie einzeln noch so schmähend.

Hinter Hass und Angst verbirgt sich immerzu eine Geschichte, die verführt. Es ist legitim, sich vor dem Antisemitismus reaktionär-konservativer Muslime zu fürchten; nicht aber, daraus den Schluss zu ziehen, jeder Muslim sei potentieller Gefährder und verdiene Ausgrenzung. Deshalb verlangt es nun eine Zeit der Trennschärfe und Genauigkeit, entwaffnender Unaufgeregtheit und neuer Sachlichkeit.

Diese Haltung ist eben nicht gleichzusetzen mit der Normalisierung von Radikalität. Sie stellt eher die ursprüngliche antagonistische Struktur des demokratischen Wettstreits wieder her, innerhalb dessen sämtliche Meinungen ernsthaft aufgenommen, verglichen und diskutiert werden können. Beleidigung hilft nicht. Überhaupt hilft keinerlei Rhetorik, die Menschen in Vernunft und Hass separiert. Denn wer sich als Hassender verunglimpft fühlt, dem mag es nur noch mehr Schaum vor den Mund treiben.

Kommentare:

  1. Ein scharfer und entwaffnend unaufgeregter Text. Hoffen wir, dass dieser grunddemokratische Ansatz wieder mehr Verfechter findet und dadurch nicht nur entwaffnet, sondern auch der "Hassende" entschäumt wird.

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  2. Liebe Diana,
    wir möchten dir eine kurze und konstruktive Kritik geben. Wir stimmen dir in vielen Dingen zu und das was du sagst macht oft Sinn. Wir denken du würdest dir einen Gefallen tun, wenn du Dinge einfacher versuchst zu fomulieren und mehr auf den Punkt bringst, damit du greifbarer für junge Menschen wirst. Liebe Grüße.

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